Learning German

Deutsch lernen über eine andere Fremdspache

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Manchmal ergeben sich interessante internationale Anfragen. So wollte auch schon einmal ein Grieche, der leidlich gut Englisch sprach, Deutsch für das Arbeiten in Deutschland lernen. Ich muss zugeben, ich spreche kaum ein Wort Griechisch. Außer ein paar Floskeln, die man auf den Servietten in einem griechischen Restaurant findet. Das vermittelt nicht einmal grundlegende Information über wie das Griechische funktioniert. Somit war ich dankbar, in der Anfangsphase mit dem Schüler auf Englisch kommunizieren zu können.

Englische Dekodierung für einen Griechen

Mit der Zeit sprach er auch immer mehr Deutsch. Deshalb glaubte ich, es würde gut funktionieren. Stutzig wurde ich jedoch, als er immer wieder nach denselben Vokabeln fragte und schon bei den Artikeln große Probleme hatte. Offensichtlich war es doch nicht so einfach, als Grieche mit englischer Dekodierung Deutsch zu lernen.

In einem anderen Kontext beschäftigte ich mich eines Tages wieder einmal mit den Typen von Sprachen: Die meisten europäischen Sprachen, die der indo-germanischen Sprachegruppe angehören, sind flektierende Sprachen. Englisch bildet da eine Ausnahme! Das Flektieren der Verbformen ist fast verschwunden, so dass es eher wie eine isolierende Sprache funktioniert. Eine typische isolierende Sprache ist zum Beispiel Chinesisch.

Selbstverständlich ist Deutsch eine ordentliche flektierende Sprache. Nun interessierte ich mich dafür, wie Neugriechisch funktioniert und besorgte mir einen kleinen Sprachführer. Der reichte völlig aus um zu entdecken, dass Neugriechisch genauso flektiert wie Deutsch. Es kennt männliche, weibliche und sächliche Substantive (Hauptwörter) und dieselben vier Fälle wie im Deutschen. Schon allein daran ist zu erkennen, dass Deutsch und Griechisch sich von der grammatikalischen Struktur sehr ähnlich sind. Damit war klar, dass Englisch als Brückensprache hier überhaupt nicht funktioniert. Gemeinsam begannen wir wenigstens die Artikel auf Neugriechisch in die Dekodierung einzutragen.

Der nächste Knackpunkt war, dass nicht alles, was auf Deutsch männlich ist, es auch im Neugriechischen ist. Und auch für das weibliche oder sächliche gilt das genauso. Der Schüler brauchte also auch Unterstützung darin, das grammatische Geschlecht der Substantive zu lernen. Das machen wir mit Farben und mit harter Dekodierung. Also steht für jedes "der" im Deutschen auch genau das in der Dekodierung, auch wenn das griechische Wort weiblich oder gar sächlich wäre. Selbstverständlich wurden dann auch die Substantive immer öfter durch ihre griechischen Entsprechungen ersetzt. So langsam begann der Schüler Klarheit zu gewinnen.

Vokabellernen über Englisch

Die nächste Schwierigkeit bestand darin, die Vokabeln über Englisch zu lernen. Das funktionierte nur bei den Wörtern gut, die sowohl im Englischen als auch im Deutschen lateinische oder gar griechische Wurzeln haben. Doch in der Alltagssprache benutzen wir sowohl im deutschen als auch im englischen viele Worte germanischer Abstammung, die auch in den romanischen Sprachen schon nicht vorhanden sind. Da gibt es dann auch überhaupt keine (Esels-)Brücke zum Griechischen. Dass bei Gateway to Language Learning Vokabeln ja nicht in einer Liste gelernt werden, die in diesem Fall einfach drei Spalten (Deutsch - Englisch - Griechisch) gehabt hätten, wissen meine Stammleser ja schon.

Bei Japanern oder Chinesen ist Englisch als Brückensprache zwar nicht ideal, doch noch eher zu vertreten, da es vom Vokabular her dem Deutschen noch ähnlicher ist als der Muttersprache. Von der Grammatik her muss jedoch beim Dekodieren viel ergänzt werden, da unsere Strukturen (Artikel, Verbflexion etc.) weder im Englischen noch in den Muttersprachen vorhanden sind.

Übrigens war mein Lehrbuch für Japanisch an der Universität in den 80er Jahren auf Englisch. Für mich war es kein Problem, da ich ja zweisprachig aufgewachsen bin. Doch auch meine Mitstudenten hatten eher wenig Probleme damit, da die Lektionstexte nicht so anspruchsvoll waren.

Die Muttersprache eines Deutsch-Schülers ist zu beachten!

Seitdem beschäftige ich mich immer mit der Muttersprache eines Deutschschülers. So komme ich zu Grundkenntnissen in Paschto, Slowenisch und inzischen auch Bengali. Allerdings alles nur auf der theoretischen Ebene. Das hilft mir sehr, die typischen Fehlerquellen für diese Muttersprachler aufzudecken. Einem Slowenen muss ich die vier Fälle nicht erklären, denn Slowenisch hat sogar sieben Fälle. Dieser Schüler muss lernen, dass einige seiner Fälle zusammengefasst wurden. Ein Paschto-Sprecher kennt jedoch nur 2 "Fälle" und braucht mehr Information um das deutsche System zu verstehen. Ein Japaner oder ein Chinese kennt dieses Konzept überhaupt nicht und muss hier komplett umdenken lernen.

Deshalb ist das Ziel von Gateway to Language Learning, für das Deutsch Lernen Materialien für viele Muttersprachler zur Verfügung zu stellen. Das bedeutet, die Dekodierung muss in den wichtigsten Sprachen der Deutsch Lernenden zur Verfügung stehen. Englisch funktioniert nur bedingt - und nur für Muttersprachler von nicht-indogermanischen Sprachen und Englisch. Selbst bei Indern würde ich neben Englisch noch deren Muttersprache, Hindi oder Bengali zum Beispiel mit einbeziehen, die jeweils grammatikalisch unterschiedlich aufgebaut sind und sich deutlich von Englisch unterscheiden.