Mehrsprachigkeit sollte gefördert werden

Mehrsprachigkeit ist ganz normal

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In Deutschland sprachen bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts wenige Menschen eine oder gar mehr Fremdsprachen fließend. Mehrsprachigkeit nimmt erst seit dem Ende des 20. Jahrhundert in Deutschland dramatisch zu.

Entwicklung der Mehrsprachigkeit

In der Nachkriegszeit wurden immer mehr Kinder geboren, die einen amerikanischen, englischen oder französischen Vater hatten. Während der Besatzungszeit und auch danach gab es bis Ende des 20. Jahrhunderts immer Soldaten, die eine Deutsche heirateten. Durch die vermehrten Reisemöglichkeiten oder auch Schüler- und Studentenaustausch, den Aufbau von Zweigstellen international agierender Firmen kamen immer mehr internationale Ehen zustande. Daneben kamen immer mehr Gastarbeiter aus dem damaligen Jugoslawien, der Türkei, Italien und Griechenland. Deren Kinder wuchsen ebenfalls mehrsprachig auf sofern sie eine deutsche Schule besuchten.

Gleichzeitig begann man in den Schulen erst mit 10 Jahren mit dem Fremdsprachenunterricht. Die erste Fremdsprache war im Gymnasium Latein oder Englisch, Französisch war 2. oder 3. Fremdsprache. In der Realschule gab es nur Englisch und Französisch als Wahlfach. Nur in den Regionen nahe der Französischen Grenze war Französisch auch als erste Fremdsprache möglich. Italienisch oder Spanisch gab es nur als Wahlfächer.

Neben den Gsstarbeitern strömten mit der Zeit auch deutsch-stämmige Aussiedler aus dem Sudentenland, Rumänien und Russland nach Deutschland. Sie konnten jedoch nicht alle Deutsch, oder sprachen alte Dialekte. In der Regel wurde in all diesen Familien zuhause die Heimatsprache gesprochen und nur dann Deutsch, wenn es nötig war. Die Väter lernten für die Arbeit - Gastarbeiter-Deutsch und nur es war für sie schwer wirklich gut Deutsch zu lernen.

Heute wird in vielen Familien mit Migrationshintergrund zunehmend Deutsch gesprochen, wie die folgende Grafik von Statista zeigt:
Infografik: Was zuhause gesprochen wird | Statista Mehr Infografiken finden Sie bei Statista

Mehrsprachigkeit - immer ein Vorteil?

Die Kinder all dieser Familien hatten zumindest die Chance mit Mehrsprachigkeit aufzuwachsen, so wie ich es selbst erlebt habe. Doch dieses Umfeld ist keine Garantie für Mehrsprachigkeit. In unserer Familie teilen nur meine Mutter und ich die Freude an fremden Sprachen. Für meinen Vater war es eine Notwendigkeit um mit der Schwiegerfamilie kommunizieren zu können. Meine Schwester hatte es schwieriger gutes Deutsch zu lernen, und sprach besser Französisch als Englisch. Mein Bruder verstand zwar früh auch Englisch, fand aber erst nach der Schule gute Gründe um die Spache richtig zu lernen. Er hatte sogar Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten im Deutschen. In unserer Familie zumindest war Mehrsprachigkeit nicht für alle Kinder ein Vorteil. Ähnliche Fälle höre ich auch im Bekanntenkreis, wo manches Kind Sprachen mischt und Schwierigkeiten hat sich in mehr als einer Sprache fließend auszudrücken.

So wunderte es mich lange nicht, wenn ich hörte, dass die Kinder mit Migrationshintergrund eher selten in Gymnasien zu finden waren. Diese waren in den 70er- und 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts schon mit den Kindern ambitionierter Nicht-Akademiker gut ausgelastet. Und diese Kinder hatten definitiv keine familiäre Unterstützung beim Fremdsprachenlernen. Seit den 80er-Jahren sind aber auch die Kinder und Kindeskinder der Gastarbeiter hoch motiviert und bildungshungrig im Gegensatz zu so manchem deutschen jungen Menschen, dessen Eltern vielleicht sogar Langzeitarbeitslose sind. An dieser Stelle kippt in meinen Augen die pauschale Gültigkeit des Glaubenssatzes "Migrationshintergrund = Mehrsprachigkeit = schwache Leistungen in Sprache".

Vorteile der mehrsprachigen Erziehung

Vor kurzem erzählte mir ein 11-jähriger Junge mit italienischem Namen, dass er zuhause neben Italienisch auch Polnisch spricht, denn seine Mutter ist Polin. Er tut sich auch nicht schwer beim Englischlernen. Seine 19-jährige Schwester spricht sogar noch mehr Sprachen - auch so exotische wie Chinesisch und Japanisch.

Heute sind die Pädagogen endlich zu der Erkenntnis gekommen, dass Mehrsprachigkeit gezielt gefördert werden muss - sowohl bei Kindern mit Migrationshintergrund, als auch bei deutschen Kindern. Deshalb boomen jetzt auch die Englischschulen mit Kursen ab dem Kleinkindalter. Inzwischen gibt es sogar Untersuchungen, die die Vorteile einer mehrsprachigen Erziehung belegen. Sie liegen nicht nur in der Fähigkeit, in mehreren Sprachen zu kommunizieren, sondern beziehen sich ganz generell auf die Gehirnfunktionen und andere Softskills wie Toleranz und Empathie.

Zweitsprachen-Unterricht an den Schulen

Inzwischen gibt es für die Generation der Gastarbeiterkinder, die bereits in Deutschland geboren sind Türkisch-Unterricht in der Schule. Dazu gibt es bereits einen eigenen Blogbeitrag. Da hier der Türkische Staat die Lerninhalte mitbestimmen will ist das nicht ganz ununstritten, ähnlich wie der Koranunterricht für muslimische Kinder. Inzwischen gibt es im Zuge der Globalisierung auch immer mehr Ehen deutscher Bürger mit Chinesinnen und Japanerinnen. Im Zuge der generellen Beliebtheit der fernöstlichen Kulturen und der Globalisierung sind zumindest in den Ballungszentren diese beiden Sprachen auch als 3. Fremdsprache an Gymnasien zugelassen. Es gibt sogar Aufbaustudiengänge für diese Lehrkräfte, damit sie die Prüfungsberechtigung erlangen können.

Seit neuestem haben zumindest in Berlin und Hamburg die Schüler auch die Gelegenheit, Arabisch als 3. Fremdsprache zu wählen. Wie bei den asiatischen Sprachen auch, beschränkt sich der Kreis der Schüler heuten auch nicht mehr nur auf diejenigen, die diese Sprachen auch zuhause sprechen. Vielmehr hatten diese Schülergruppen schon seit langem in privaten Vereinen den Sprachunterricht an Samstagen organisiert. Jetzt können sie diese Sprachkenntnisse auch in ihre offiziellen Qualifikationen einbringen.

Das verändert auch die Ausgangssituation in den entsprechenden Studiengängen. Als ich vor über 30 Jahren anfing Japanologie zu studieren, gab es vielleicht eine oder zwei Mitstudierende mit Vorkenntnissen, da die Mutter Japanerin war. Heute gibt es für angehende Japanologiestudenten einen verpflichtenden Vorkurs in dem der Stoff, den ich damals in den ersten beiden Wochen lernen musste, nun schon vor Semesterbeginn in einem Intensivkurs vermittelt wird. Das sieht sicher in anderen Studiengängen rund um exotische Sprachen nicht anders aus.

Fremdsprachenlernen kann einfach sein und zu Mehrsprachigkeit führen!

Die ganze Thematik zeigt für mich, dass ganz generell der Fremdsprachenunterricht neu überdacht werden muss. Es ist ja erfreulich, dass nun schon in der 2. oder 3. Grundschulklasse mit Englisch begonnen wird, wenn auch spielerisch. Und das macht tatsächlich auch Sinn, denn es ist ein bisschen wie damals, als wir unsere Muttersprache erlernt haben. Da gab es auch keine Vokabellisten und Grammatikregeln zum auswendig lernen. Jetzt sind die Gymnasiallehrer am Zug, auf diesen Vorkenntnissen aufzubauen, das unbewusste Vorwissen bewusst zu machen und nicht mit den alten Methoden den Spaß an der Sprache zu töten. Erst wenn Fremdsprachenlernen auch an der Schule ähnlich einfach und intuitiv wie das Erlernen der Muttersprache ist, geht mein Traum in Erfüllung: Fremdsprachenlernen ist einfach!

Mehrsprachig im Kommen